Es so gegen ende September und ich sitze wieder im Taxi. Die
Sonne scheint tief überm westlichen Horizont und brennt mir in den Augen. Ich
stehe mit meinem Taxibus im Talstand in der Reserve. Vor mir das Alte Rathaus
und dahinter die untergehende Sonne. Ich bin noch nicht so richtig fit, es ist
warm, es ist Samstag, erster Wiesntag, es ist viel los in der Stadt, ich döse
vor mich hin und die Sonne gibt mir den Rest. Obwohl viele Menschen unterwegs
sind, bewegt sich gar nichts. D.h. das Geschäft perlt schon, wie Harry sagen
würde, nur nicht im Zentrum.
Das Radio läuft und macht mich mit dem Gedudel noch
schläfriger als ich ohnehin schon bin.
„Tief im Westen“ höre ich Grönemeyer singen.
„Tief im Westen,
wo die Sonne verstaubt,
ist es besser, als man glaubt…“
Hör ich das Lied wirklich oder bilde ich es mir ein? Ist
alles besser als ich glaube? Wird alles besser? Gibt es Hoffnung? Licht am ende
des Tunnels? Komme ich aus diesem Gefühlschaos wieder heraus?
„Tief im Westen….“ grölt Grönemeyer weiter.
Und auf einmal fühle ich mich um Jahre zurückversetzt und
sehe mich bei Rock im Park in der Arena mit tausenden von Menschen Herbie auf
der Bühne zuschauen und jede Zeile mitsingen, mitgrölen. Was für eine
glückliche und unbeschwerte Zeit es doch damals war.
Als ich so in Erinnerungen schwelge, höre ich ein
Motorradrören und sehe ein schweres Moped der untergehenden Sonne
entgegenfahren.
„Spring auf, worauf wartest du noch?“ höre ich eine Stimme
fragen.
„Harry?“ frage ich und versuche zu erkennen ob es
tatsächlich mein Kollege ist, aber die tief stehende Sonne blendet mich und ich
sehe nur Schatten. Als das Motorrad weiter weg zu seien scheint, höre und sehe
ich ein Pferd mit Reiter der untergehenden Sonne entgegen reiten. Bin ich jetzt
völlig gaga? Kann es sein, dass ich von letzter Nacht immer noch Restalkohol im
Blut habe und halluziniere? Ich versuche zwanghaft zu erkennen wer auf dem
Pferd sitzt und frage so auf blöd: „Lucky Luke?“
Darauf spüre ich wie mir jemand auf dem Hinterkopf haut.
„Aua! Was soll das?“
„Nix is mit
Lucky Luke!“
„Saki?“
„Wer den
sonst?“
„Oha!“
„Was machst du wieder im Taxi? Hast du nicht gesagt, dass du
die Schnauze voll hast und nie wieder Taxi fahren willst?“ donnert er mir
entgegen.
„Ich …“
Und schon knallt er mir wieder eine auf dem Hinterkopf. „Ja,
ja, diese faulen Ausreden! Kein Wunder, dass dich Sophie verlassen hat!“
„Was hat das jetzt mit Sophie zu tun?“ frage ich.
„Das weißt du ganz gut!“ sagt er.
„Bitte? Geht’s dir noch gut?“ erwidere ich.
„Sometimes I feel like a motherless child“
„Wos is?“ fragen wir beide mit einer Stimme und gucken uns
an.
Das Gesänge geht inzwischen weiter.
„Sometimes I feel like a motherless child….“ hört man eine
Frauenstimme die Worte ins Mikro hauchen. Wir schauen uns beide um und
entdecken Stefanie in ihrer Abendgarderobe ohne Begleitband und nur mit ihrem
Mikro in den Händen die Zeilen des Liedes hauchen. Wir gucken abwechselnd uns
gegenseitig und sie an und versuchen zu verstehen was vor sich geht.
„Long way from home
Sometimes I wish I could fly
Like a bird up in the sky…“
Stefanie gibt alles, schmettert uns – oder mir? – den Song
entgegen und auf einmal erscheint ein ganzer Chor hinter ihr.
„Sag mal Steffi, geht’s dir noch gut?“ versuche ich zu
unterbrechen. „Du weißt schon, dass es sich hier um ein Sklavenlied handelt und
nichts mit mir zu tun hat?“ Das Lied hat seinen Ursprung in einer Ära, in der
in den USA reger Sklavenhandel betrieben wurde und darin geht es entweder um
ein Kind, das seine Eltern verloren hat, oder von den Afrikanern die Sehnsucht
nach ihrer Heimat haben. Was hat das ganze mit mir zu tun?
Dann knallt mir Stefanie eine auf den Hinterkopf und sagt:
„Hör gut zu, du Trottel! In dem Lied geht es auch um Hoffnung!“
Recht hat sie! Fühle ich mich mutterseelenallein gelassen,
weil mir Sophie den Laufpass gegeben hat? Gibt es Hoffnung, mache ich mir
selber Hoffnungen? Weiß Stefanie etwa mehr als ich? Was hat das alles hier zu
bedeuten? Ich schaue Saki an, aber er bleibt stumm. Harry ist auch weg. Es
scheint so, als ob ihn die Abendsonne verschluckt hätte. Stefanie singt
inzwischen weiter mit voller Unterstützung des Chors. Saki zuckt nur mit den
Schultern und verschwindet.
„Ein guter Freund bist du!“ sage ich ihm genervt.
Kaum habe ich den Satz zu ende gesagt, erscheint Saki in
einer Wolke über mir, knallt mir eine und sagt: „Das will ich nicht gehört
haben!“
Er nimmt Stefanie an der Hand und beide verschwinden und die
Wolke verpufft. Mist! Was jetzt? Was mache ich jetzt? Wo bin ich überhaupt?
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