Freitag, 27. Juni 2014

Teil 1


Es so gegen ende September und ich sitze wieder im Taxi. Die Sonne scheint tief überm westlichen Horizont und brennt mir in den Augen. Ich stehe mit meinem Taxibus im Talstand in der Reserve. Vor mir das Alte Rathaus und dahinter die untergehende Sonne. Ich bin noch nicht so richtig fit, es ist warm, es ist Samstag, erster Wiesntag, es ist viel los in der Stadt, ich döse vor mich hin und die Sonne gibt mir den Rest. Obwohl viele Menschen unterwegs sind, bewegt sich gar nichts. D.h. das Geschäft perlt schon, wie Harry sagen würde, nur nicht im Zentrum.

Das Radio läuft und macht mich mit dem Gedudel noch schläfriger als ich ohnehin schon bin.

„Tief im Westen“ höre ich Grönemeyer singen.

 

„Tief im Westen,

wo die Sonne verstaubt,

ist es besser, als man glaubt…“

 

Hör ich das Lied wirklich oder bilde ich es mir ein? Ist alles besser als ich glaube? Wird alles besser? Gibt es Hoffnung? Licht am ende des Tunnels? Komme ich aus diesem Gefühlschaos wieder heraus?

 

„Tief im Westen….“ grölt Grönemeyer weiter.

Und auf einmal fühle ich mich um Jahre zurückversetzt und sehe mich bei Rock im Park in der Arena mit tausenden von Menschen Herbie auf der Bühne zuschauen und jede Zeile mitsingen, mitgrölen. Was für eine glückliche und unbeschwerte Zeit es doch damals war.

Als ich so in Erinnerungen schwelge, höre ich ein Motorradrören und sehe ein schweres Moped der untergehenden Sonne entgegenfahren.

„Spring auf, worauf wartest du noch?“ höre ich eine Stimme fragen.

„Harry?“ frage ich und versuche zu erkennen ob es tatsächlich mein Kollege ist, aber die tief stehende Sonne blendet mich und ich sehe nur Schatten. Als das Motorrad weiter weg zu seien scheint, höre und sehe ich ein Pferd mit Reiter der untergehenden Sonne entgegen reiten. Bin ich jetzt völlig gaga? Kann es sein, dass ich von letzter Nacht immer noch Restalkohol im Blut habe und halluziniere? Ich versuche zwanghaft zu erkennen wer auf dem Pferd sitzt und frage so auf blöd: „Lucky Luke?“

Darauf spüre ich wie mir jemand auf dem Hinterkopf haut.

„Aua! Was soll das?“

„Nix is mit Lucky Luke!“

„Saki?“

Wer den sonst?

Oha!

„Was machst du wieder im Taxi? Hast du nicht gesagt, dass du die Schnauze voll hast und nie wieder Taxi fahren willst?“ donnert er mir entgegen.

„Ich …“

Und schon knallt er mir wieder eine auf dem Hinterkopf. „Ja, ja, diese faulen Ausreden! Kein Wunder, dass dich Sophie verlassen hat!“

„Was hat das jetzt mit Sophie zu tun?“ frage ich.

„Das weißt du ganz gut!“ sagt er.

„Bitte? Geht’s dir noch gut?“ erwidere ich.

 

„Sometimes I feel like a motherless child“

 

„Wos is?“ fragen wir beide mit einer Stimme und gucken uns an.

Das Gesänge geht inzwischen weiter.

 

„Sometimes I feel like a motherless child….“ hört man eine Frauenstimme die Worte ins Mikro hauchen. Wir schauen uns beide um und entdecken Stefanie in ihrer Abendgarderobe ohne Begleitband und nur mit ihrem Mikro in den Händen die Zeilen des Liedes hauchen. Wir gucken abwechselnd uns gegenseitig und sie an und versuchen zu verstehen was vor sich geht.

 

„Long way from home

Sometimes I wish I could fly

Like a bird up in the sky…“

 

Stefanie gibt alles, schmettert uns – oder mir? – den Song entgegen und auf einmal erscheint ein ganzer Chor hinter ihr.

„Sag mal Steffi, geht’s dir noch gut?“ versuche ich zu unterbrechen. „Du weißt schon, dass es sich hier um ein Sklavenlied handelt und nichts mit mir zu tun hat?“ Das Lied hat seinen Ursprung in einer Ära, in der in den USA reger Sklavenhandel betrieben wurde und darin geht es entweder um ein Kind, das seine Eltern verloren hat, oder von den Afrikanern die Sehnsucht nach ihrer Heimat haben. Was hat das ganze mit mir zu tun?

Dann knallt mir Stefanie eine auf den Hinterkopf und sagt: „Hör gut zu, du Trottel! In dem Lied geht es auch um Hoffnung!“

Recht hat sie! Fühle ich mich mutterseelenallein gelassen, weil mir Sophie den Laufpass gegeben hat? Gibt es Hoffnung, mache ich mir selber Hoffnungen? Weiß Stefanie etwa mehr als ich? Was hat das alles hier zu bedeuten? Ich schaue Saki an, aber er bleibt stumm. Harry ist auch weg. Es scheint so, als ob ihn die Abendsonne verschluckt hätte. Stefanie singt inzwischen weiter mit voller Unterstützung des Chors. Saki zuckt nur mit den Schultern und verschwindet.

„Ein guter Freund bist du!“ sage ich ihm genervt.

Kaum habe ich den Satz zu ende gesagt, erscheint Saki in einer Wolke über mir, knallt mir eine und sagt: „Das will ich nicht gehört haben!“

Er nimmt Stefanie an der Hand und beide verschwinden und die Wolke verpufft. Mist! Was jetzt? Was mache ich jetzt? Wo bin ich überhaupt?

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